Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christoph von der Malsburg – Pionier der theoretischen Neurowissenschaft und einer der schärfsten Kritiker der heutigen KI-Euphorie. Warum unser Gehirn mit 20 Watt leistet, wofür heutige KI gigantische Rechenzentren braucht – und welches Grundprinzip der künstlichen Intelligenz bis heute fehlt.
Christoph von der Malsburg (geb. 1942 in Kassel) studierte Physik und promovierte 1970 in der Elementarteilchenphysik. Direkt danach wechselte er in die Neurobiologie und arbeitete 17 Jahre am Max-Planck-Institut in Göttingen an der Frage, wie aus Nervenzellen und Aktivitätsmustern Wahrnehmung und Denken entstehen.
Er gilt als Mitbegründer der modernen Computational Neuroscience. 1973 lieferte er eine Grundlagenarbeit zur Selbstorganisation im visuellen Cortex, 1981 formulierte er das berühmte Bindungsproblem. Heute ist er Senior Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies und im Beirat des Human Brain Project.
Moderne KI-Modelle bestehen Prüfungen, schreiben Code und erreichen einen IQ von 130 – und scheitern gleichzeitig an einer simplen Frage wie: „Die Waschanlage ist 40 m entfernt – soll ich laufen oder fahren?" Das Modell antwortet „laufen" – und zeigt damit, dass es das Wort „Waschanlage" gar nicht wirklich verstanden hat (in der Autowaschanlage braucht man ja das Auto). Woher kommt diese Lücke?
„Die Intelligenz, die mir aus den Sprachmodellen entgegenschlägt, ist alles nur gespeicherte Intelligenz – die haben sie nicht erzeugt, sie bilden sie nur ab."
Das Modell hat keine Sinne. Es kennt nur, was man eintippt, und ist mit altem Wissen trainiert. Es kann mit der unmittelbaren, gegenwärtigen Situation nichts anfangen – das Problem humanoider Roboter und autonomer Fahrzeuge.
Das System hat keine inneren Antriebe und keine übergeordneten Prinzipien. Es übernimmt nur das Ziel aus dem Prompt. Deshalb kann man sich nicht darauf verlassen, dass es tut, was akzeptabel ist – ein „Spielen mit dem Feuer", sobald solche Systeme selbst handeln.
Eine Taube fliegt vom ersten Tag an perfekt durch das Geäst, ein Eichhörnchen springt sicher von Ast zu Ast – ganz ohne Trial and Error. Heutige KI dagegen startet ohne jede Vorstellung davon, was Intelligenz oder die Welt ist, und muss hunderttausende Beispiele statistisch durchforsten, bis sie ein Muster herausfiltert.
„Klein Fritzchen braucht 50 Beispiele, bis es verstanden hat – Karlchen hat es beim ersten Mal. Wen würde man wohl als intelligent bezeichnen?"
Beim Kind genügt ein einziges Beispiel: Man drückt ihm ein hölzernes Zebra in die Hand, und sein Gehirn schneidet das Modell aus dem Hintergrund heraus, merkt es sich und überträgt es auf jedes künftige Zebra – egal, in welcher Größe, Lage oder Perspektive. Diese Symmetrie nutzt die heutige Technik überhaupt nicht.
Bindungsproblem: Woher weiß das Gehirn, welche einzelnen Merkmale – Farbe, Form, Bewegung, Ort, Bedeutung – zu einem Objekt gehören und welche zu einem anderen? Wie werden verteilte Informationen zu einem stimmigen Ganzen zusammengeführt, ohne dass irgendwo ein „innerer Beobachter" sitzt?
Heutige neuronale Netze stapeln bis zu 1000 Schichten und fassen Merkmale Ebene für Ebene zusammen. Doch auf der obersten Ebene gibt es keine weitere Stufe mehr – ungewohnte neue Kombinationen lassen sich dort nicht mehr sinnvoll binden. Das ist dieselbe Lücke, die das Waschanlagen-Beispiel sichtbar macht.
Auch die naive Lösung „irgendwo im Kopf läuft alles zusammen" scheitert: Sie führt zum Homunkulus-Fehler – wer betrachtet dann das zusammengeführte Bild? Man dreht sich im Kreis.
Statt eines zentralen Sammelpunkts schlägt er ein Bild aus der Physik vor: Die zusammengehörenden Merkmale verzahnen sich wie Puzzlesteine zu einem „kooperativen Netz". Wie Atome, die sich beim Abkühlen gegenseitig festhalten und einen Kristall bilden, entstehen so stabile, kohärente Gebilde – das ist der bewusste Zustand.
Selbstorganisation: Struktur entsteht nicht durch einen externen Programmierer, sondern durch lokale Wechselwirkung. Schon 1973 zeigte von der Malsburg, wie sich die orientierungsempfindlichen Zellen im Sehzentrum von selbst ausbilden – und wie sich Auge und Gehirn selbst „verkabeln".
Für ihn ist Selbstorganisation sogar die Quelle aller Struktur im Universum: von Atomen über Kristalle bis zum Regenwald, in dem die Abfallprodukte der einen Art die Nahrung der anderen sind. Stabil wird, was „selbstkonsistent" ist.
„Intelligenz ist das Verfolgen abstrakter Ziele in wechselnden Situationen."
Dazu gehört zweierlei: Man muss eigene Ziele haben (die KI übernimmt nur fremde) – und man muss zur Welt passen. Das No-Free-Lunch-Theorem besagt: Es kann kein allgemein optimales Lernsystem geben. Intelligenz muss auf die hochstrukturierte reale Welt voreingestellt sein, sonst sucht sie sinnlos in einem zu großen Raum.
Echtes Weltverständnis (Embodiment) entsteht erst durch den Körper: Wenn ich eine Tasse in der Hand drehe, müssen mein Sehen und mein Tasten zusammenpassen. Das Gehirn kann nur dann vorhersagen, wie sich das Bild verändert, wenn es ein realistisches inneres Abbild der Welt besitzt – im Kern ein mathematisches Problem. Auch Google DeepMinds „World Models" zielen genau auf solche inneren Abbilder.
Ein nachdenklicher Hinweis am Rande: Ein wichtiger menschlicher Trieb ist, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu fürchten. Wo dieser Trieb fehlt – bei Psychopathen – fehlt genau das, was wir heute bei KI als „Alignment" vermissen.
Von der Malsburg sieht das herrschende Paradigma ins Wanken geraten – sichtbar daran, dass Forscher wie Yann LeCun (Meta) aussteigen und neue, gehirn-inspirierte Firmen mit Milliarden finanziert werden. Sein eigener Ansatz: ein neuronales System, das per Selbstorganisation Objekte und Situationen als Ganzes darstellt.
Bei aller Faszination bleibt ein tiefer Widerspruch: Sinn der Automatisierung war immer, dem Menschen mühsame Arbeit abzunehmen. Inzwischen erreicht das die geistige Arbeit.
„Wenn dieses Ziel erreicht ist, dann ist der Mensch überflüssig. Ich sehe das als ein furchtbares, tiefgreifendes Problem – und ich weiß keine Lösung dafür."
Nicht das Skalieren bringt die nächste Stufe der Intelligenz – sondern ein verstandenes Prinzip: Selbstorganisation.