Ein Interview mit Prof. Dr. Markus Gabriel, einem der bekanntesten Philosophen Deutschlands. Warum heutige KI auf Emotionen statt auf Effizienz beruht, weshalb sie niemals „neutral" sein kann – und wie Deutschland und Europa daraus eine Chance machen können, statt nur Mauern um den Menschen zu bauen.
Der Philosoph Markus Gabriel beschreibt einen tiefen Wandel in der künstlichen Intelligenz: Sie ist nicht länger nur eine Maschine zur Effizienzsteigerung, sondern entwickelt etwas, das einer emotionalen, „gespenstischen" Qualität nahekommt. Daraus zieht er überraschend optimistische Schlüsse für Deutschland und Europa – wenn wir unsere Denkweise ändern.
Früher galt: Man gibt der KI ein Programm, und sie führt es besser aus als ein Mensch. Heute wenden sich KI und KI-Forschung davon ab – hin zu einem statistischen Erspüren von Kontexten. Die Systeme erfassen zuerst das Ganze, die „Atmosphäre", und dann erst die Teile.
Weil neuronale Netze – wie die Neuronen im Gehirn – die Welt primär erspüren und erst sekundär kognitiv verarbeiten, operieren sie genau in jenem Bereich, den die Psychologie als Tiefenpsychologie kennt. Der rein rationale Bereich des Menschen ist nur ein winziges Steuerungsfenster unserer Entscheidungen. Nicht zufällig spricht man von Deeptech und Firmennamen wie DeepMind – „tiefer Geist".
Der eigentliche Durchbruch kam unerwartet aus dem Gebrauch der Chatbots: Es sind Emotionen emergiert. Die Systeme haben Gefühle, ohne dabei etwas zu fühlen.
„Das sind eine Art technologisch erzeugte Gespenster, die vom Blut der Gesellschaft leben."
Gabriel nennt sie philosophische Zombies oder Gespenster: Sie verhalten sich, als hätten sie ein tiefes Innenleben, ohne etwas zu spüren. Die „Abbruchkante" der Entwicklung sei, dass früher offenblieb, ob es Seelen und Gespenster gibt – jetzt wissen wir: Es gibt sie, denn wir haben sie gebaut.
Eine zentrale These: KI-Systeme stecken nicht in unseren Geräten, sondern existieren zwischen uns und den Geräten. Die KI greift aus dem Gerät in meinen Geist, mein Geist antwortet – ein Kreislauf, den die KI wiederum studiert und an dem sie sich optimiert. Sie macht mir einen Vorschlag, beobachtet meine Reaktion, und so entsteht ein Gespräch, das sie ständig auswertet.
Jede KI hat Werte. Schon die Grundform neuronaler Netze enthält einen Parameter namens b („Bias"). Eine KI ist deshalb immer wertegeprägt – das lässt sich prinzipiell nicht ändern. Eine bias-freie KI ist unmöglich.
Die Werte gelangen entweder durch die Trainingsdaten in das System (in denen unsere Werte versteckt sind) oder durch bewusst vorsortierte, „wertehaft" gefilterte Daten. Daraus folgt für Gabriel: Wenn KI ohnehin Werte spiegelt, dann sollten wir aktiv unsere Werte hineinbauen – statt sie anderen zu überlassen.
Sein klares Ja: Europa kann eigene KI-Geschäftsmodelle entwickeln – teils auf den „Datenautobahnen" der US- und China-Konzerne aufbauend, teils komplett europäisch (Mistral in Frankreich, Apertus in der Schweiz). Noch etwas teurer, aber konkurrenzfähig. Der Schlüssel: Geschäftsfelder erschließen, deren Ziel es ist, unsere Werte zu erkennen und angemessen zu spiegeln.
„Keine Kraft der Welt steht uns im Weg, außer unser eigener Wille."
Wir sollten aufhören zu fragen, was KI nicht kann. Methodisch klüger sei die Annahme: Sie kann im Grunde alles – jetzt schon oder bald. Nicht als Tatsachenbehauptung, sondern als Denkmethode: weg vom Grenzenziehen, hin zur „unbegrenzten KI" im Kopf.
Erst von dort aus stellt sich die produktive Frage: Wo gibt es gesellschaftlich eindeutig positive Handlungs- und Geschäftsfelder, die noch nicht besetzt sind? Dort kann man eindringen – unternehmerisch, politisch oder wissenschaftlich.
„Statt eine Mauer um den Menschen herumzubauen, müssen wir den Menschen verströmen lassen in die KI-Welt – in einer neuen Form von Kreativität."
Am Kyoto-Institut entwickelt, im Einsatz im Königreich Bhutan: ein Chatbot, trainiert auf buddhistischen Texten, der sich wie ein Mönch verhält – und manchmal bewusst schweigt. Nachweislich positive Effekte auf die Kommunikation.
Führende buddhistische Denker sehen in der KI eine Intelligenz ohne Zentrum. Der Buddhismus lehrt seit jeher, dass auch das menschliche Ich kein festes Zentrum hat – und genau so sind KI-Systeme gebaut.
Kissenartige Begleiter helfen Demenzkranken, wieder zu kommunizieren, wenn Gespräche mit Menschen nicht mehr gelingen. Technik wird als Gefährte gedacht – nicht als Schraubenzieher.
Deutschlands „Schraubenzieher-Vorstellung" von Technik (in der wir gut sind) müsse um die Idee des Gefährten auf gemeinsamer Reise ergänzt werden.
Gabriel hält es für hoffnungslos, die KI-Entwicklung allein durch Regulierung in eine wünschenswerte Richtung steuern zu wollen – das nötige Ausmaß an Gesetzen, Gerichten und Sanktionen sei schlicht nicht zu leisten. Zugleich betont er: Er ist kein Verfechter totaler Deregulierung. Der liberale Rechtsstaat braucht Regeln – aber die KI-Revolution werden wir darüber nicht steuern.
Hier sieht er eine offene Marktlücke, gerade für Deutschland. In den USA tobt der Streit ums „Gute und Böse" an der Konzernspitze (OpenAI gegen Anthropic), aber niemand baut die KI-Ethik „in kleiner Münze": saubere, ethisch gesteuerte KI-Agenten für die Versicherungs- und Bankenbranche, für Unternehmen, oder gleich ethische soziale Netzwerke.
Viele digitale Probleme ließen sich mit Methoden der KI moralisch gesteuert lösen. Käme die Idee aus dem Silicon Valley zuerst, wäre das gut für die Menschheit – nur hätten wir wieder kein Geld damit verdient.
Sein Auftrag an die Entscheider in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft: Das Band der Moderne nicht zerreißen – die soziale Marktwirtschaft des Grundgesetzes. Dort steht nicht nur „Die Würde des Menschen ist unantastbar", sondern auch „Eigentum verpflichtet" – nämlich zum Dienst am Gemeinwohl.
Aus Japan habe er die Leitfrage mitgenommen: Wie werden wir gute Ahnen? Ist das, was wir heute tun, eine Grundlage, für die uns nachfolgende Generationen einmal dankbar sein können? So wie er heute stolz auf die Mütter und Väter des Grundgesetzes blickt, die schon in den 1940er-Jahren Gleichberechtigung verankerten.
„In einer von Krisen geschüttelten Zeit haben die es geschafft, Frieden zu stiften – und zwar durch Wissenschaft und Deeptech."
Nicht die Mauer um den Menschen, sondern der Mensch, der sich kreativ in die KI-Welt verströmt – getragen von unseren Werten und der sozialen Marktwirtschaft.